Ein neues (E-)Tandem muss her

Hier sitze ich nun als einst erbitterter Gegner von E-MTBs und schreibe einen Artikel über unser neues E-MTB Tandem.

Jahrelang habe ich E-Bikes bei Diskussionen als Rentnerfahrräder, total unnütz und noch als einiges anderes bezeichnet – bis – ja bis ich eins probe gefahren bin. Auch wenn ich mit meinem 20 Jahre alten Hardtail MTB überallhin komme, macht eMTB fahren einfach mehr Spaß.

Vom verhängnissvollen Tag im September letzten Jahres, an dem ich mein normales eMTB in Empfang genommen habe, ist ein knappes halbes Jahr vergangen bis zu unserem ersten eMTB-Tandem Urlaub.

Modellauswahl

Zunächst musste ein geeignetes Modell gefunden werden, die Auswahl an E-Tandems ist m.M. nach eher beschränkt. Zieht man alle Tandems ab die nach Reha- und Rentnerfahrrad aussehen, bleibt meiner Ansicht nach genau eins übrig: das Moustache Samedi X2. Wir haben uns zusätzlich für die MTB Version entschieden, da wir durch Mayra (Blindenführhund von Chris) öfters auf unbefestigten Wegen unterwegs sind und auch mal in die Berge fahren wollen. Das ist natürlich nur meine Subjektive Meinung und jeder soll/darf das fahren was er will.

Probesitzen

Da Moustache die Größe für den Captain mit 1,72 – 1,95 angibt, war ich skeptisch ob ich mit ca. 1,60m groß genug bin, um vernünftig an die Pedale zu kommen. Daher wollte ich vor dem kauf unbedingt einmal probesitzen und habe dem nächstgelegenen Händler in der Suche auf der Herstellerwebsite angeschrieben. Nach der esten Kontaktaufnahme haben wir von diesem Händler (Bike-Ranch im Warngau) Radl-Spass in Altomünster empfohlen bekommen, da es hier ein Tandem zum probefahren geben sollte. Wer sich in und um München etwas auskennt kann sich jetzt vielleicht vorstellen, dass sich meine Begeisterung 70km einfach nach Altomünster zu fahren zunächst in Grenzen hielt, aber an einem verregneten kalten Samstag Anfang Februar 2019 war es dann doch soweit.

Wir wurden sehr freundlich vom Inhaber mit Team empfangen und das Tandem stand schon bereit.

Um es an dieser Stelle kurz zu machen: Ich komme mit 160cm locker an die Pedale und habe meinen Sattel mittlerweile sogar höher gestellt. Eine richtige/lange Probefahrt war leider wegen den Wetterverhältnissen nicht möglich, aber ich war mir eigentlich auch schon nach dem kurzen Probesitzen sicher, dass wir und das Tandem sicher viel Spass miteinander hätten. Danach haben wir noch über das gewünschte Zubehör gesprochen, höherer Lenker + ergonomische Griffe für Chris – Licht, Schloss und Hinterradständer für mich.

Wir wurden beim Radl-Spass übrigens beide Ernst genommen und es gab auch keine Berührungsängste wegen der Blindheit von Chris, das nur der Vollständigkeit halber und weil man im Einzelhandel immer mal wieder von gegenteiligen Erlebnissen hört. Auch Mayra war (ohne Kenndecke) willkommen, da der Besitzer selber einen Hund hat. Hätten wir nicht schon 5 Räder im Haushalt bzw. würde ich mir noch ein sechtes anschaffen, wollen, würde ich es, trotz längerer Anfahrt, ebenfalls dort kaufen.

Die erste Fahrt

Jetzt aber zurück zum Tandem, knapp 1 1/2 Monate später konnten wir das gute Stück, gerade rechtzeitig zu unserem Urlaub, fertig montiert abholen. Wir sind dann einfach auf gut Glück losgefahren und statt direkt in Altomünster am Bahnhof 20km weiter in Dachau in die S-Bahn gestiegen. Die ersten 10m waren noch ungewohnt, aber danach war es für mich so, als würde ich mein normales e-MTB fahren. Das Teil liegt z.B. so stabil auf der Straße das ich keinen Rückspiegel brauche um an Chris beim Richtungswechsel vorbei zu schauen, mit einer Hand am Lenker abbiegen oder hinten freihändig sitzen ist ebenfalls möglich. Das haben wir natürlich nur einmal kurz auf dem Feldweg ausprobiert.. 🙂

Der Bosch E-Motor ist bei jeder Einstellung ab „Tour“ auch mit Hundeanhänger einfach abartig, wir haben uns z.B. gegenseitig gefragt warum der jeweils andere so reintritt – dabei wars der Motor. Ein anderes mal, als ich alleine den Turbo-Modus ausprobiert habe, bin ich kurz erschrocken, weil ich nicht mit der wahnsinnigen Beschleunigung gerechnet hatte. Ansonsten hat die Federung zusammen mit der MTB-Bereifung bis jetzt alles weggesteckt was uns so unter die Räder gekommen ist (Wurzeln, (Rand)Steine, tiefer Kies, grober Schotter, Buckelwiesen, Kopfsteinpflaster)

Für Chris war die Heimfahrt gleichzeitig die erste Fahrt mit E-Unterstützung, daher war die Begeisterung entsprechend groß und wir sind statt nach Vaterstetten dann von Heimstetten heimgefahren. Diese erste kurze Fahrt ließ uns auf viel Spass im Urlaub hoffen.

Erfahrungen

Meine subjektiven Punkte zum Tandem als Liste nach ca. 2 Monaten fahren:

  • Das Gewicht ohne Akkus ist mit unserem alten Santana Tandem vergleichbar (ca. 22kg); das Moustache ist ca. 15cm länger.
  • Der Rahmen ist sehr stabil, fährt super – auch ohne Akkus.
  • Der Bosch-Motor und die Bremsen sind einfach krass.
  • Die Auffälligkeit und der Wiedererkennungswert sind natürlich sehr hoch; würde Chris als Blinder mit Hund nicht sowieso schon in der ganzen Siedlung auffallen, wäre es spätestens mit diesem Tandem soweit. Im Biergarten wurden z.B. schon Fotos vom abgestellten Tandem gemacht und Gespräche am Nebentisch darüber geführt. Der Höhepunkt war allerdings ein Tourist in Bled während eines Slowenienurlaubes, der vermeintlich unbeobachtet ein Selfie mit dem abgesperrten Tandem schoss.
  • Bezüglich der Ratio vom Gewicht zu zur erbringenden Leistung ist für mich als Captain das ganze System deutlich stressfreier händelbar.
  • Chris findet Tandem fahren entspannter als Wandern, weil er sich bei schlechten Wegen nicht so konzentrieren muss, das bleibt dafür an mir hängen – mir egal, fahre einfach über alles drüber 😉
  • 800 Höhenmeter mit Hundeanhänger + Hund im Gepäck sind kein Problem
  • die Liste an Dingen, die wir in den Urlaub mitnehmen, hat sich deutlich erhöht, da ich alle beweglichen Teile (Licht, Tacho ect.) und die Akkus zum Transport abbaue. Und der Hundeanhänger muss natürlich auch noch mit.
  • einen Akku voll laden dauert bei 230V ca. drei Stunden.
  • die Lackierung des Rahmens ist meiner Meinung nach relativ empfindlich, oder wir haben einfach Pech und erwischen immer genau den Stein der maximalen Schaden am Unterrohr anrichtet.
  • der Motor lässt sich abschalten und ab 25km/h ist ohnehin Schluss mit der Unterstützung, können uns also weiterhin austoben.
  • ich habe unfreiwillig Tubeless-Bereifung beim Fahrrad kennen gelernt, da wir am Hinterrad einen Platten wegen fehlender Dichtmilch hatten. Lustigerweise gibt es beim Spiegel einen Artikel, der genau das Problem beschreibt.
  • Spassfaktor definitiv hoch, fahre das Tandem (fast?) lieber als mein normales e-MTB.

1200km im ersten Jahr

Im ersten Jahr sind wir knappe 1200km auf wechselnden Untergrund gefahren. Folgende „Verluste“ waren zu beklagen:

  • Tubeless funktioniert einfach nicht für uns. Nach dem dritten Platten, auch mit Dichtmilch, habe ich  entnervt aufgegeben. Seit wir wieder mit altmodischem Schlauch fahren haben wir keine Probleme mehr. Der absolute Tiefpunkt war erreicht als die Karkasse des Hinterreifens beim letzten Platten dann auch noch kaputt war.
  • Im letzten Urlaub in Slovenien haben wir irgendwo auf dem Trail eine Speiche verloren.
  • Nachdem wir, ebenfalls in Slowenien, 1200 höhenmeter auf 12km problemlos hochgefahren sind, hat uns die Abfahrt die Bremsen gekostet. Ich fand die Bremswirkung durchaus noch ok – also im Vergleich zu alten Felgenbremsen – aber unser Fahrradhändler fand Metall auf Metall schon eher schlimm (glaube ich).
  • Limitierender Faktor für uns ist der zweispurige Hundeanhänger, im Gelände allein würde mit dem Tandem noch deutlich mehr gehen.

Ansonsten kann ich auch nach einem Jahr guten Gewissens sagen, dass wir das Tandem immer noch gerne bei jeder Gelegenheit fahren und wir eigentlich immer Spaß haben – außer das gekaufte Radler flutet den Hundeanhänger oder Komoot führt uns duch eine neu gebaute Kläranlage. Ist beides wirklich so passiert…

Wer sich also überlegt ein e-Tandem zu kaufen dem kann ich nur raten: Tut es – ist super!

P.S. Natürlich ist das hier meine subjektive Meinung und wie immer darf jeder das machen bzw. gut finden was er/sie möchte.

Den Link zum passenden Dachträger gibt es übrigens hier

e-Tandem am Grenztisch zwischen Österreich und Slovenien
e-Tandem am Grenztisch zwischen Österreich und Slovenien
e-Tandem von vorne
e-Tandem von vorne
Mayra vor dem e-Tandem
Mayra vor dem e-Tandem
e-Tandem mit Hundanhänger im Wald
e-Tandem mit Hundeanhänger im Wald

6 comments:

  1. Hallo Alexandra,
    wir sind auch kurz davor uns ein E-Tandem zu kaufen, dur h deinen ausführlichen Bericht wird es aus das Moustache Tandem, zumal es nun wirklich nichts vergleichbares gibt.
    Du hattest berichtet das ihr Probleme mit dem Lack hattet, wie hat sich das inzwischen entwickelt gibt es noch weitere Schadstellen, wäre es sinnvoll gewisse Stellen durch Folie oder ähnlichen, zu schützen?

    Waren die Tubeless Reifen serienmäßig drauf, hab in der Beschreibung von Moustache nicht gesehen oder einfach überlesen?

    Sind inzwischen noch weitere Mängel aufgetreten?

    Was gefällt dir nicht, was würdest ändern?

    Ich hoffe ich nerve dich nicht mit meinen ganzen Fragen.

    Liebe Grüße
    Oliver

    1. Hi Oliver,
      die Probleme mit dem Lack haben sich mittlerweile normalisiert – nachdem wir die erste Zeit einige Abbplatzer hatten sind in dieser Saison nicht viele dazu gekommen. Ich würde, wie oben geschrieben das Unterrohr und evtl. die Stellen an denen Du Schutzbleche oder andere Dinge am Rahmen anbringst durch Folie schützen.

      Die Tubeless Reifen waren serienmäßig, was mir erst mal auch nicht bewusst war 🙂 Leider hatten wir (vermutlich) als Folge des Plattens dann noch einen Reifenschaden da die Karkasse an der Flanke in Mitleidenschaft gezogen wurde. Unser freundlicher Fahrradhändler hat den Reifen kostenfrei ersetzt, aber ich hatte danach mit Tubless einfach abgeschlossen.
      Außerdem ist mir in diesem Jahr ein spanischer? Tandemkollege im Netz untergekommen, der ebenfalls Probleme mit der Moustache Felge, dem Maxxis MTB Reifen und tubeless hatte. Leider finde ich den Post gerade nicht mehr, sollte sich das ändern, werde ich den Link hier noch nachreichen.

      Bei jetzt knapp 3000km keine Mängel und außer Service (ca. 100 Euro) keine zusätzlichen Kosten. Akkuleistung nach 1 1/2 Jahren immer noch 100% laut letztem Prüfbericht.

      Finde das Bike so wie es ist wirklich gut, fahre seit ich 12 Jahre alt bin MTB und komme mit dem Tandem super zurecht. Wenn der Stoker sich nicht bewegt könnte man meinen man fährt ein langes single bike 😉

      „schöner wohnen“ Verbesserungsvorschläge weil Mensch ja immer was zu meckern hat:
      – falls Du verstellbare Bremshebel willst schau Dir die Magura MT7 statt der MT5 an
      – die original Pedale sind nich mit allen Schuhen rutschfrei
      – die Kurbeln sind für ein MTB etwas lang, wir sind jetzt auf Trails schon ein paar mal kurz aufgesessen

      Ich bin bei meiner Antwort davon ausgegangen, das Du dich für die MTB (VTT) Version interessierst, mit der TRK Version mit Schutzblechen und Straßenreifen solltest Du weniger Probleme mit Steinschlägen am Unterrohr haben.

      Außerdem habe ich gerade auf der Moustache Seite gesehen das es ein neues Modell gibt. Auf den ersten Blick hat sich bis auf die Farbe und die Motorversion nichts verändert, mein Bericht bezieht sich auf die 2019 Version, es kann also gut sein das alte Schwachstellen behoben oder neue eingebaut wurden 🙂

      Falls Du noch weitere Fragen hast melde Dich gerne.

      Grüße,
      Alex

  2. Hey Aley,

    Danke für deine ausführliche Antwort, hatte erst vor paar Tagen gesehen das du geantwortet hast.
    Ja, bei uns wird es auch die MTB Version, da wir uns auch des öfteren abseits der normalen Wege bewegen.

    Was für einen Reifen habt Ihr denn jetzt aufgezogen oder fährt Ihr weiterhin mit dem Maxxis, nur halt mit Schlauch drin?

    Habt Ihr die Akkus schon mal ausgereizt, wenn ja, was habt Ihr für eine Reichweite, ich weiß, es kommt auf viele Faktoren drauf an, nur mal so als grobe Richtung.

    Und steht bei euch in der Beschreibung drin was für eine Zuladung das Moustache hat, also incl Gepäck, finde da nichts?

    Kommt Ihr mit den 11 Gängen hin? Wir haben jetzt 21 Gänge und wenn es bergig wird brauchen wir die schon.

    Was ist bei euch für ein Schaltwerk hinten, bin bei der Beschreibung etwas verwirrt, weil dort beim MTB Deore steht und bei der Trekking Version Shimano XT.

    Viele Grüße

    Oliver

    1. Hi Oliver,

      Wir fahren vorne immer noch den Maxxis mit Schlauch, da dieser nicht beschädigt war. Hinten ist derzeit ein Schwalbe Smart Sam (2,6″) montiert.

      Wir fahren (inklusive Anhänger) mit einer Akkuladung ca. 3 x 50km – im Münchner Umland, etwas hüglig aber nicht übermäßig steil. Danach ist kein Akku-Balken mehr im Display. Als wir in Slovenien den Pokljuka Pass von Bled hoch sind (ca. 1000hm) war nach ca. 40km Ende.

      Habe jede Menge Papier zum Bike dazu bekommen, aber in keinem steht was von Zuladung 🙂 Wenn dir das hilft wir bringen ca. 160kg mit Rucksack ect. + 15 kg Anhänger + 18kg Hund auf die Waage

      Ja, 11 Gänge waren bis jetzt immer ausreichend, im Zweifelsfall den leichteren nehmen spart meiner Erfahrung nach auch Akku.

      Wenn ich das mit dem ganzen Staub richtig gesehen habe steht auf unserem Umwerfer hinten (klein)Deore und (groß) XT – würde auch zu den Bildern im Internet passen.

      Viele Grüße,
      Alex

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.